Hafen Makkum
Segeln

Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt – oder warum das Leben manchmal zum Kotzen ist

Kennst Du das Gefühl, dass Du etwas bis ins Kleinste geplant hast? Du glaubst, an alles gedacht zu haben und es dann doch ganz anders kommt? Genauso ging es uns bei unserem Überführungstörn nach Makkum.

Aber am besten fang ich am Anfang an….

Es ist Anfang März und wir freuten uns, endlich die Blackfield einzukranen. Der Termin für die Überfahrt stand. Ostern sollte es losgehen. Der Wind war für die Fahrt von Elsfleth ins niederländische Makkum nahezu ideal. Alles schien perfekt zu sein. Die Temperaturen waren für diese Jahreszeit bombastisch…

So könnte die Geschichte weitergehen, wenn da nicht der 19. März und der Shutdown gewesen wären.

Natürlich ist es klagen auf hohem Niveau. Schließlich ist es nicht schlimm, einen Törn zu verschieben. Doch wir merkten, wie diese Ungewissheit an unseren Nerven zerrte. Wir wollten endlich einen weiteren Haken setzen, wollten die Blackfield weiter auf die Blauwasserfahrt vorbereiten. Jetzt waren wir zum Stillstand verdammt. Dies war ein Zustand, mit dem wir nur schwer umgehen konnten. Insbesondere weil immer öfter von Grenzschließungen die Rede war.

Die aufkommenden Fragen überschlugen sich. Wäre es zu einem späteren Zeitpunkt noch möglich, in die Niederlande einzureisen? Was ist, wenn die Häfen schließen? Wo bleiben wir mit der Blackfield? Das Winterlager und den Liegeplatz zu bezahlen, war nicht wirklich eine Alternative.

Kurzerhand fuhren wir zum Grenzübergang und schauten, ob man in die Niederlande einreisen konnte. Alles sah gut aus, also worauf warten?

11 Tonnen slippen

Ein neuer Termin für die Überfahrt war schnell gefunden. Jetzt musste die Blackfield nur noch ins Wasser. Tja, und hier kommt die erste Planänderung!

Aufgrund des Shutdowns war der Kran nicht mehr verfügbar. Okay, was gab es für Alternativen? Wir wollten unbedingt ins Wasser. Also musste Plan B an den Start. Die Blackfield wird geslippt! Dies ist bei einem Schiff ihrer Größe und ihrem Tiefgang von 1,90 m schon etwas ungewöhnlich, insbesondere weil auch die Slipanlage an der Hunte nicht wirklich fertiggestellt war. Aber da mussten wir jetzt durch….

Hunte Marina

So viel sei gesagt, meine schlaflosen Nächte waren unbegründet. Die Hunte Marina hat einen guten Job gemacht.

Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen. Endlich war die Blackfield unbeschadet im Wasser.

Der erste Schritt unserer Reise war getan. Das Abenteuer konnte beginnen. Freudig sahen wir den kommenden 2 Tagen entgegen. Endlich konnten wir wieder segeln… Ich sah mich schon die nächsten Tage lesend im Cockpit die Sonne genießen, schließlich hatten wir ja alles bis ins Kleinste geplant…

Soviel zu meiner Fantasie und jetzt zur Wirklichkeit…

Geplant war, sich noch ein paar Stunden ausruhen, nachdem die Segel angeschlagen waren. Schließlich wollten wir am Abend mit ablaufendem Wasser raus auf die Weser und es lag ein rund 36-stündiger Törn vor uns.

Alles hatte super geklappt, bis zu dem Zeitpunkt als unsere Wasserpumpe den Geist aufgab. Natürlich schob ich gleich wieder Panik, wir könnten auf der ganzen Fahrt kein Wasser haben. So musste noch „schnell“ die Wasserpumpe repariert werden.

Tja, und hier machten wir mit der bekannten Weisheit

Bootsprojekte dauern länger, als man denkt

Bekanntschaft.

Letztendlich konnte Carsten die Pumpe hilfsweise reparieren, leider blieb jetzt nur wenig Zeit, um Inne zu halten und Kraft zu tanken.

Um 21:30 Uhr machten wir die Leinen los. Nun konnte unsere Reise beginnen.

Eigentlich war geplant, dass ich die erste Wache übernehmen sollte. Auf der Hinfahrt war die Fahrt über die Weser auch gar kein Problem, selbst wenn man den Autopilot nicht benutzen konnte. Tja, auf der Hinfahrt sind wir auch im Hellen gefahren. Im Dunkeln sah die Sache ganz anders aus. Im Nachgang muss ich sagen, mich hat die Weser überfordert. Lag es an meiner aufkommenden Nachtblindheit? Keine Ahnung. Für mich war es alles nur ein Lichtermeer. So fiel ich erst einmal für den ersten Wachegang aus. Carsten übernahm das Ruder und ich war froh, mich in die Koje zu verziehen, um etwas Schlaf nachzuholen.

Und hier kommt mein nächstes „Tja“…

Anders als geplant, war an Schlaf nicht zu denken. Im Nachhinein muss ich sagen, ich muss lernen abzuschalten. Ich habe die ganze Zeit auf jedes Geräusch gehört und auf jede Schiffsbewegung geachtet. So kann der Körper natürlich nicht zur Ruhe kommen.

Mittlerweile war es tiefste Nacht und draußen war es bitterkalt. Wir hatten uns zwar im Zwiebellook gekleidet, doch gegen die Kälte kamen wir nicht an. Wir froren ordentlich.

Containerschiffe haben Vorfahrt

Natürlich wussten wir, dass wir am Containerterminal in Bremerhaven besondere Vorsicht walten lassen mussten. Aber da uns auf der Hinfahrt, die Wasserschutzpolizei eindringlich gebeten hatte, rechts am Fahrwasser zu fahren, hielten wir uns auch auf der Rückfahrt daran. Tja….. bis ein lautes Schiffshorn ertönte und wir uns in einem gleißenden Lichtstrahl eines Suchscheinwerfers wiedergefunden haben. Blitzschnell legte Carsten den Rückwärtsgang ein… Früh genug, um nicht in das Fahrwasser eines auslaufenden Containerschiffes zu geraten. Es war vielleicht keine Glanzleistung von uns, aber der Schlepper hätte uns nicht extra anfunken müssen. Wie sollten wir auch wissen, dass die Aufforderung der Wasserschutzpolizei auf einmal hinfällig ist. Aber es war ja noch einmal alles gut gegangen.

Endlich Nordsee, endlich segeln

Und jetzt kommen wir zu der nächsten Segelweisheit

„Der Wind kommt immer anders, als vorhergesagt!“

Und hier kommt mein nächstes „Tja“ Geplant war östlicher Wind mit 3-4 Beaufort, sodass wir hätten gemütlich segeln können.

Als wir endlich das Fahrwasser verlassen hatten, sahen die Windverhältnisse auf offener See ganz anders aus. Die See war kabbelig und die Blackfield machte ungemütliche Schiffsbewegungen. Zu allem Übel hatte sich in der Nacht das Großfall an der Saling verfangen, sodass wir das Großsegel nicht hissen konnten. Bei der unruhigen See wollten wir auch nicht aufs Vorschiff gehen, und uns unnötigen in Gefahr bringen. Denn aus Erfahrung wussten wir, dass wir das Fall nicht so einfach befreien konnten. Also blieb uns nichts anderes übrig als weiter zu motoren.

Fischfutter ist angesagt

Die Stunden zogen sich und die unruhige See forderte ihren Tribut. Unsere Körper waren an das Geschaukel nicht mehr gewöhnt und Carsten ging es immer schlechter. Er konnte sich gar nicht mehr unter Deck aufhalten. An Essen war zu dieser Zeit nicht zu denken. Durch den starken Wind war es immer noch bitterlich kalt. So lagen wir dick angezogen, mit Mütze und Handschuhe, eingepackt in zwei Decken im Cockpit und froren immer noch. Zum Glück konnten wir mit Autopilot fahren.

So hatten wir uns diese Reise nicht vorgestellt. Eine schöne Überfahrt sah anders aus.

Mittlerweile stellte sich heraus, dass wir in der Nacht in Vlieland ankommen werden und im Dunkeln durch das Wattenmeer fahren mussten. Auch das war eigentlich so nicht geplant.

Da Carsten nicht unter Deck wollte, um seinen Körper nicht noch mehr zu strapazieren, haben wir Kurzschlafpausen gemacht. Das heißt, wir haben den Timer auf 20 Minuten gestellt, sind kurz eingeschlafen, um dann zu schauen, ob keine anderen Schiffe oder Bojen unseren Weg kreuzten. Zur Sicherheit haben wir im Plotter und im Radar einen Alarm eingestellt, der uns vor Zusammenstößen frühzeitig warnen würde. Das klappt super, solange man den Wecker nicht überhört. Dies ist Carsten zwischen Terschelling und Vlieland passiert. Er wurde sehr unsanft von vier alarmschlagenden Geräten geweckt. Zum Glück ist nichts weiter passiert. Zumindest war er jetzt hellwach.

Zwischenzeitlich war die zweite Nacht angebrochen. Die ganzen Stunden hatten wir nicht vernünftig geschlafen. Ja auch DAS war anders geplant.

Waddenzee

Ich hatte mich in die Koje gelegt, als ich durch ungewöhnliche Motorgeräusche wach wurde. In der nächsten Sekunde hörte ich Carsten laut nach mir rufen. Ich war sofort hellwach. Im Cockpit angekommen, sah ich, dass wir uns festgefahren hatten.

Wahrscheinlich war Carsten aufgrund der Strömung zu eng an den Fahrwasserrand gefahren. Durch das einsetzende Niedrigwasser steckten wir jetzt im Watt fest. Es war stockdunkel um uns herum. Zu allem Übel befand sich keine 3 Meter hinter uns eine Boje. Das hieß, Carsten konnte auch nicht versuchen, uns mit voller Rückwärtsfahrt zu befreien.

Wir waren beide voller Adrenalin. Aber wir haben Ruhe bewahrt und konnten uns letztendlich befreien. Ich muss sagen, das haben wir super gemeistert.

Jetzt hieß es, nach jeder Boje Ausschau zu halten. Für mich bedeutete es, mit dem Suchscheinwerfer vorne am Bug zu stehen und die dunkle Nacht abzusuchen.

Nein, auch DAS hatte ich mir anders vorgestellt.

Und natürlich schlug auch Murphys Gesetz zu! Die Batterien der Taschenlampe gingen natürlich mitten in dem engsten Stück des Fahrwassers zu Ende. Zum Glück hatten eine Stirnlampe mit hellem LED Licht an Bord.

Schleusen

Gegen 4:30 Uhr kamen wir in Kornwerderzand an. Jetzt hieß es Schleusen. Dazu muss ich sagen, dass wir mit der Blackfield erst zweimal auf dem NOK geschleust haben, da wir ja vorher immer auf der Ostsee unterwegs waren.

Doch das Schleusen ging einfacher als gedacht. (Mal etwas Positives auf dieser Reise). Leider war die Ausfahrt nicht beleuchtet und wir hatten arge Schwierigkeiten, das Fahrwasser zu erkennen.

Marina Makkum

Das Schöne an der Marina ist, sie liegt sofort hinter der Schleuse. Da wir nicht genau wussten, wo unser neuer Liegeplatz war, haben wir am erstbesten Steg festgemacht und sind todmüde ins Bett gefallen.

FAZIT

  • Wir haben diese Überfahrt trotz aller Widrigkeiten super gemeistert. In der der Stresssituation sind wir ruhig geblieben und haben besonnen gehandelt.

  • 36 Stunden Non-Stopp Törn ohne Möglichkeit, einen Hafen anzufahren, waren für den Saisonstart wahrscheinlich zu viel. Aber hätten wir eine Alternative gehabt?

  • Mit aufkommender Seekrankheit müssen wir rechnen und sie einplanen. Wir hätten im Vorfelde Vorsorge treffen müssen.

  • 20-Minuten-Schlaf funktioniert. ABER man muss den Wecker lauter stellen. Er wird bei Übermüdung gern überhört.

  • Ich muss lernen, abzugeben und mich zu entspannen. Es wird auch ohne mich funktionieren.

  • Batterien für Suchscheinwerfer etc. vorher aufladen bzw. eine ausreichende Reserve vor Törnbeginn an Bord haben.

  • Noch dickere Kleidung anziehen. Eine 5 Schicht ist da eher unpraktikabel.

  • Ersatzkanister Diesel an Bord zu haben, ist keine schlechte Idee.

  • Hab immer einen Plan B in der Tasche.

  • Und als zukünftiger Blogger solltest Du das Filmen und Fotografieren nicht vergessen.

Wir waren noch nie so froh, in einem Hafen angekommen zu sein. Und ich denke, dieser Reisestart wird unvergesslich bleiben.

HAKEN ist gesetzt!

5 Comments

  • Sabine Mattes

    Da ist Euch ja eine Menge passiert, aber Ihr habt trotzdem immer alles im Griff gehabt.
    Bei Eurem nächsten Törn viel Spaß

    • Simone Weskamp

      Hab gerade gespannt eure Erlebnisse gelesen und war ganz begeistert . Sehr gut geschrieben , man konnte sich bildlich alles sehr gut vorstellen. Wünsche euch weiterhin viel Glück und jede Menge Spaß . Und die Ankunft am Ziel ist umso schöner, je mehr Stürme du erlebt hast. Lg Simone 😘

    • Susanne Spräner

      Dankeschön! 🙂 Ja, Erfahrung kommt von Machen. Da müssen wir wohl ein stückweit durch und dazulernen.
      Zurzeit sind wir Richtung Frankreich unterwegs. Ich hoffe nur, das Wetter wird bald etwas besser. Zurzeit müssen wir wetterbedingt immer wieder Pausen einlegen.

  • Simone Weskamp

    Hallo habe gerade mit voller Begeisterung eure Erlebnisse gelesen. Sehr gut geschrieben. Ich wünsche euch weiterhin viel Glück und Spaß . Lg Simone 😘.

    Und denkt dran: Die Ankunft am Ziel ist umso schöner, je mehr Stürme du erlebt hast .

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